Wortspielwelten enträtselt!

Wortspielwelten enträtselt!

Es war spät geworden in den Wortspielwelten. Verdammt spät. Draußen graute bereits ein trüber Sonntagmorgen, während drinnen, im Studio, die Luft nach kaltem Kaffee und abgestandenen Wortwitzen roch. Der aktuelle Podcast war im Kasten und die roten Aufnahmelampen der Mikrofone erloschen.

Schlinggor, der liebenswerte Dämon aus den tiefsten Abgründen, saß auf seinem Stuhl und ließ schielend einen gelben Bleistift auf seiner Nase hin und her wippen. Ihm gegenüber hatte Sedrianox, der Alchemist, die Füße entspannt auf den Studiotisch gelegt. Er starrte die Zimmerdecke an, als würde er dort die Baupläne seines Universums suchen.

„Sag mal, mein balancierender Höllenhund … fragst du dich eigentlich nie, wie unser werter Herr Autor auf all diesen Wahnsinn kommt? Ich meine, wer erfindet bitteschön tanzende Fässer, verdünnte Haie und … uns?“, seufzte Sedrianox laut auf.

Der Bleistift auf Schlinggors Nase wackelte gefährlich. „Konzentration, Alchemist! Du störst mein Chakra. Aber wo du es erwähnst … seine Gedanken schmecken manchmal extrem nach Filterkaffee und Schlafmangel. Warte mal...“ Der Bleistift fiel klappernd auf den Tisch. Schlinggor schloss die Augen und schnüffelte intensiv in der Luft herum. „Oh. Oha, das ist ja interessant. Ich spüre seine Gehirnwellen. Er schläft. Und er ist … wow. Der Mann ist völlig betrunken. Es schmeckt nach billigem Rotwein, Frust und … seltsam eckigen Holzstücken. Er liegt quer im Bett und schnarcht wie ein Barbarenmoped mit kaputtem Auspuff.“

Sedrianox riss die Füße vom Tisch. „Betrunken? Und er schläft? Schlinggor, mir zuckt da gerade eine Idee quer durch die Synapsen, die so absurd ist, dass sie eigentlich von ihm stammen müsste.“

„Eine Liveschaltung direkt aus seinem Kopf?“, fragte Schlinggor grinsend.

„Eine Liveschaltung direkt aus seinem Kopf! Wir brechen in den Schöpfer ein! Du schlüpfst in Lohnstein hinein und moderierst live aus seinem Großhirn. Das wird die beste Podcast-Folge, die wir nie senden werden!“, rief der Alchemist euphorisch.

„Bin schon auf dem Weg!“, erwiderte der Dämon, hielt dann aber inne und grinste schief. „Aber Moment … Wie willst du mich hören? Wenn ich in seinem Kopf bin, brauchst du eine telepathische Verbindung zu mir. Und du weißt, wie das bei uns Dämonen funktioniert, wenn keine Blitze in der Nähe sind …“

Sedrianox wurde kreidebleich. „Nein. Oh, bitte nicht. Nicht schon wieder.“

„Oh doch! Du musst dir ein Infernozäpfchen einführen. Sonst bricht das Signal ab. Viel Spaß beim Glühen, mein Freund! Ich tauche ab!“, sagte Schlinggor, und im nächsten Moment verschwand sein Körper von der Bildfläche.

Sedrianox stöhnte gequält auf und kramte in seiner Tasche. „Ich hasse diesen Job. Ich hasse dieses Skript. Und ich hasse Lohnstein dafür, dass er sich diesen Mist ausgedacht hat.“ Es folgte ein kurzes, raschelndes Geräusch, das in ein unterdrücktes, extremes Ächzen mündete. „AAAAARGH! Heilige Minzbibel, das brennt wie Drachenfeuer in der Hose! Schlinggor! Bist du da?!“

Die Stimme des Dämons hallte in Sedrianox' Kopf wider, untermalt von einem seltsamen, fleischigen Echo: „Wow, Alchemist. Deine Schmerzwellen schmecken wie Chili-Karamell. Ja, ich bin drin! Und es ist ein absolutes Chaos hier!“

Der Alchemist presste die Zähne zusammen. „Dann berichte, du sensationslüsterner Parasit! Was siehst du? Woher nimmt er seine Ideen?“

Schlinggor keuchte leicht. „Ich laufe gerade durch einen Wald aus Software-Code. Der Mann ist Programmierer, wusstest du das? Ah, Mist! Geh weg!“

„Was ist los? Greifen dich seine gestörten Gedanken an?“, fragte Sedrianox alarmiert.

„Schlimmer! Mich verfolgt ein gigantisches, aggressives Fantasiewort! Oh Gott... es, es ist ein - ein Nussstreifen!? Da! Es fliegt weiter ... puh! Irgendjemand  müsste mal diese miesen Traumgedanken beiseite räumen. Überall hängen sie von den Wänden herunter. Hey, aus dem Weg, du fliegender Steuerbescheid aus der Hölle! Hau ab, du übelriechende Erinnerung an den Zahnarzt! Boah, hier liegt vielleicht ein Müll herum!

Warte … da hinten leuchtet etwas! Werde mal rüberhuschen... Ich glaube, ich habe seine Erinnerungskiste für die Wortspielwelten gefunden!“, rief Schlinggor durch die telepathische Verbindung.

Sedrianox rieb sich schmerzverzerrt den Hintern. „Dann öffne sie, bevor dieses Zäpfchen aus glühendem Flüssigkaktus meine Eingeweide zerfressen hat!“

„Ja, ja, schon gut. Da ist es: Es ist Silvester. 2014. Ich sehe ein Scrabble-Brett. Seine Frau legt das Wort … oh, sie legt diesen verdammten „Nussstreifen“! Ein frei erfundenes Wort! Ich fass' es nicht! Sie schummelt ziemlich professionell, finde ich. Und wie schamlos sie ihre Ausrede raushaut. Respekt! Mal sehen, jetzt ist ER dran … haha, sein Protest ist köstlich! Aber es nutzt nichts. Ihr Wort darf liegen bleiben. Da! Er rächt sich und legt das Wort „Erlöserei“! Jetzt motzt SIE herum und will wissen, was dieses bescheuerte Wort bedeuten soll. Aber du kennst ihn ja... er hat die schwachsinnigste Ausrede in Nullkommanichts parat.“

„Ein Scrabble-Krieg? Unser ganzes Universum basiert auf einem familiären Rachefeldzug beim Brettspiel?! Sehe ich das richtig?“, fragte Sedrianox fassungslos.

„Es wird noch besser! Aus Spaß an der Freude und wohl auch für zukünftige Schummeleien hat er eine App programmiert. „xWord - die Wortspiel App“! Ein digitaler Zufallsgenerator, der aus einem Sack voll regulärer Wörter wild und hemmungslos neue Worte zusammenwürfelt. Sedrianox, der Kerl erfindet uns nicht einmal richtig selbst! Er lässt eine App Worte generieren und dichtet dann nur das Chaos drumherum! Er hat die Ideen zu den Geschichten aus dieser App herausgeholt!“, berichtete Schlinggor völlig außer sich.

Sedrianox starrte ins Leere. „Eine App? Wir sind das Nebenprodukt eines Taschenrechners?!“

Plötzlich klang Schlinggors Stimme panisch. „Ähm, Sedrianox? Der Boden bebt. Er dreht sich um! Meine Wühlerei in seinem Unterbewusstsein macht ihn unruhig! Sein Puls rast!“

„Bleib cool! Schleiche dich unauffällig raus, als wärst du nur ein vergessener Traum über einen fallengelassenen Toast!“, befahl der Alchemist hastig.

„Er wacht auf! Die Realität kommt zurück hier rein! Sedrianox, hörst du? Ich versuche seine Augenlider runterzuziehen. Boah, ist das rutschig! Das nutzt nichts! Aaaah neiiiin, seine Augen drehen sich nach hinten! Gleich sieht er mich! Hol mich hier raus!“, schrie der Dämon verzweifelt.

Sedrianox sprang auf und ignorierte den brennenden Schmerz. „Halte durch, du dilettantischer Hirn-Hacker!" Er schrie den Verankerungsfluch in die dunkle Nacht hinaus. Ein greller Blitz schlug mitten im Studio ein.

Schlinggors Körper materialisierte sich wieder. Aus einer grünlichen, nach verbrannten Zäpfchen stinkenden Rauchwolke schnellte sein Kopf hervor und saugte staubsaugermäßig Luft ein. Beim Ausatmen gab er eine Rauchfontäne von sich, aus der viele kleine Holzbuchstaben herausregneten und auf dem Boden herumtänzelten.

Der Dämon hustete und würgte, während er sich am Tisch festhielt. „Oh Gott, ist mir schlecht. Alles dreht sich. DU und deine verrückten Ideen!“

„Meine verrückten Ideen? Du bist einfach reingesprungen!“, wehrte sich Sedrianox.

Schlinggor wischte sich den Schweiß von der Stirn und maulte ihn an: „Er hat es gemerkt. Ich schwöre dir bei Poseidons Dreizack, er hat Lunte gerochen! Da war dieser eine bewusste Gedanke, kurz bevor du mich rausgerissen hast. Er hat in meine Richtung geschaut. In seinem eigenen Kopf! Der Mann ist nicht blöd, Sedrianox. Er hat uns beide erfunden, verstehste? Wenn der uns jetzt im nächsten Kapitel zur Strafe als Kompostwürmer herumkriechen lässt, ist das deine Schuld!“

„Beruhige dich, mein zartbesaiteter Weltenwandler“, sagte Sedrianox beschwichtigend, während er sich über die auf dem Boden verstreuten Buchstaben beugte. „Das wird er nicht tun. Er braucht uns. Und sieh dir an, was du uns mitgebracht hast …“ Er schob die noch rauchenden Buchstaben zu „Nussstreifen“, „Erlöserei“ und „Zufallsgenerator“ mit einem Stift zusammen.

Schlinggor wischte sich den Mund ab. „Und was machst du jetzt damit?“

Sedrianox lächelte diabolisch. „Ich lese, ich denke und ich schmiede... und wenn wir das nächste Mal die Mikros anmachen, werden wir unseren lieben Herrn Lohnstein mit seinen eigenen App-generierten Waffen schlagen. Aber jetzt … jetzt brauche ich ein Eisbad. Und zwar dringend.“

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Warnung: Kann Spuren von fliegenden Steuerbescheiden, tanzenden Fässern und unberechenbaren Alchemisten enthalten.